Thorsten Reinicke

Solarenergie 3 - Verschiedene Aspekte

Newsgroup: de.sci.architektur
Subject: Re: Sinnvolle Umweltschutzmaßnahmen
Date: Fri, 14 Jan 2000

Vorredner:
> Problematisch sind Folgekosten.

Throsten Reinicke:
Was Folgekosten bedeuten können, läßt sich derzeit bestens am Ruhrgebiet studieren. Da zerbröselt's die Hütten, weil der Untergrund durchlöchert ist wie'n Schweizer Käse. O-Ton der Nachrichtensprecherin vorgestern: "Bis alle Stollen gefunden und verschlossen sind, dürfte es 200 bis 300 Jahre dauern." Hinzu kommen Reparatur oder Neubau der Gebäude.

So richtig hart wird's bei der Kernkraft: Halbwertszeit 25.000 Jahre. Unsere menschliche Kulturgeschichte beträgt seit Ur und Sumer mal gerade 5.000 Jahre. Wie sich ein Endlager über einen Zeitraum von auch nur 500 Jahren verhält und welchen Aufwand es tatsächlich verursachen wird, weiß heute kein Mensch. Sehr gut wissen wir aber, welche Folgen Tschernobyl hatte, noch hat und haben wird.
Wenn es uns nicht gelingt, die Radioakitivät irgendwie "abzuschalten" oder sie von der Erde fortzuschaffen, dann dürften die eigentlichen (Folge-) Kosten der Kernkraft imho noch vor uns liegen.

Weiter lassen sich einige Folgen unseres Handelns, z.B. sterbende Wälder oder schlechte Luft, nur schwerlich in Kosten ausdrücken.

> Wenn wir den gesamten Energiebedarf der Bundesrepublik nehmen und versuchen würden diesen Bedarf durch Solarzellen zu decken. Wie groß wäre der Platzbedarf für Solarzellen? Ich habe keine Zahlen.

Das Bauministerium gab einmal Zahlen heraus: Für eine einprozentige Bedarfsdeckung sei derzeit eine Fläche von 150 qkm notwendig. Die Angaben gelten für den klimatischen Bereich Deutschland.

Für eine hundertprozentige Bedarfsdeckung wäre das also eine Fläche von 15.000 qkm. Die Bundesrepublik hat eine Fläche von 350.000 qkm. Es müßten also ca. vier bis fünf Prozent der BRD-Fläche mit Solarzellen versehen werden. Wieviel qm Dächer gibt es in Deutschland?

Allerdings bleibt bei solchen lokal begrenzten Betrachtungsweisen immer das Problem der Energiespeicherung. Wie kriegt man die Energie vom Tag in die Nacht, bzw. vom Sommer in den Winter? Das ist zumindest bei Photovoltaik ein echtes Problem, bei Windenergie weniger.

> Dinge rechnen sich immer dann, wenn es jemanden gibt der das Produkt zum notwendigen Preis kauft.

Das ist richtig. Es gilt aber auch: Produkte, die es nicht gibt, können vom Verbraucher auch nicht gekauft werden.

Wenn sich ein Hersteller entscheiden muß, welches von zwei Produkten er produzieren möchte, dann wird er, soweit er rein gewinnorientiert arbeitet, sich für das Produkt entscheiden, mit dem er mehr Geld verdienen kann. Das "rechnet sich" nämlich besser. Das muß deswegen nicht unbedingt das bessere Produkt sein. Beispiele gibt es hierfür zuhauf.

Ich gehe davon aus, dass die Energieindustrie derzeit mit den konventionellen Energien mehr Geld verdient, als sie es mit Solarenergie könnte. Die sind ja nicht ganz blöd. Die Energieindustrie erhält für jede einzelne kWh Geld. Deswegen laufen bei uns die Zähler. Bei der Solarenergie hingegen können keine kWh's verkauft werden, sondern lediglich das technische Gerät, mit dessen Hilfe diese kWh's "eingesammelt" werden. Stichwort: Einspeisevergütung. Das die Energieindustrie darauf keine Lust hat, ist verständlich.

Desweiteren bedeutet der Verkauf von Solarzellen, daß die Energieindustrie im übertragenen Sinne ihre Kraftwerke quasi in kleinsten Teilen verkauft. Und das wird sie nicht tun.

> Ich kann mir vorstellen das sich durch den ausschließlichen Einsatz von Solarenergie der Strompreis verdreifachen würde.

Ich schätze hingegen, die Strompreise, oder besser, der Aufwand, den wir für Energie zu erbringen haben, würden sich langfristig deutlich verringern. Siehe auch mein anderes Posting.

> die Energieindustrie ...

So langsam verstärkt sich in diesem Thread bei mir der Eindruck, dass unser Umdenken größer sein werden muß, als wir es uns bisher vorstellen.

In einer echten Solarwirtschaft dürfte es die "Energieindustrie" in ihrer heutigen Form nicht mehr geben. Man muss sich das klarmachen: Solarenergie ist _überall_ auf diesem Planeten vorhanden. Solarenergie werden wir wirklich effektiv nur _dezentral_ in vielen, vielen kleinen Quellen erzeugen können, am besten dort, wo sowieso schon etwas Gebautes steht und wo wir vorhandene Strukturen (Leitungen) nutzen können. Heute kommt der Strom von _zentralen_ E-Werken in die Haushalte. Zukünftig wird der Weg wahrscheinlich genau umgekehrt verlaufen. Wir selbst wären dann die (Mini-) Energielieferanten.

Die zukünftige Aufgabe der heutigen "Energieindustrie" bestünde dann vielleicht in einer Art Energiemanagement und in der Erstellung und Wartung der Leitungen. Keine Ahnung, wie sowas in der Summe organisiert werden kann. Aber ich schätze, dass es auf so etwas oder ähnliches hinausläuft.

> Von dieser Warte ist auch die Theorie des 10.000 bis 15.000 fachen falsch. Keine Ahnung wie diese Rechnung aussieht. Wurden dort auch die Meere mit Solarzellen bedeckt?

Warum müssen Meere mit Solarzellen bedeckt werden, damit die Sonne Energie auf die Erde einstrahlt? So wie ich es täglich mitkriege, tut sie das so oder so.

Spaß beiseite :-). Mir ist dieser Wert der 10.000 bis 15.000-fachen Einstrahlung inzwischen mehrfach untergekommen. Ich gehe davon aus, dass er annähernd stimmt. Siehe hierzu mein anderes Posting.

> Auf jeden Fall gilt: Wenn irgendwo Energie zur Verfügung steht (und erst recht kostenlos) dann findet sich auch ein Verbraucher.

Die finden sich auch zunehmend. Du bist selbst am überlegen. Wir müssten nur reichlich mehr Solarzellen produzieren. Und da scheint es immer noch viele Kräfte zu geben, die gegensteuern. Aber stell Dir mal vor, welchen Vorteil Du hättest, gäbe es heute schon preiswerte Solarzellen. Das würde sich für Dich so richtig "rechnen" :-).

> Geld ist das alleinige Messmittel.

Oha!

Was kostet Glück?

Die wesentlichsten Dinge in unserem Leben lassen sich nicht in Geld messen. Sollte das bei Dir anders sein, dann bist Du nicht von dieser Welt.

Du hast aber insofern recht, als dass Geld heute als "alleiniges Messmittel" angesehen wird. Dafür werden Dinge, die sich nicht in Geld messen lassen, vom Kapitalismus als solche nicht erkannt. Der hat da 'ne gewisse Betriebsblindheit. Das ist noch nicht mal mehr Kritik, sondern 'ne simple Feststellung.

Es geht hier um Quantität und Qualität. Wenn Du schreibst, das würde "sich rechnen", dann ist das zunächst eine reine Quantität. Daraus _kann_ Qualität entstehen, muß aber nicht. Qualität läßt sich nur schwerlich in Quantitäten erfassen.

In der Architektur gibt es ähnliche Probleme. Quantitäten, z.B. Normen, können hervorragend erfüllt sein. Dennoch kann Qualität, hier architektonische Qualität, gänzlich abwesend sein.

> Unter bestimmten, theoretischen, Umständen kann es umweltfreundlicher sein erst später Umweltschutzmaßnahmen zu ergreifen. Dazu ein _konstruiertes_ Beispiel ...

So langsam verstehe ich Deine Argumentation. In gewisser Weise hast Du sogar Recht. Allerdings vernachlässigst Du in Deiner Rechnung die 10 Jahre Zeitdifferenz. Die müßtest Du mit einbeziehen, dann verschieben sich die Relationen.

Außerdem könntest Du mit derselben Argumentation noch weitere 10 Jahre, also insgesamt 20 Jahre und so fort warten. Irgendwann lohnt sich die Investition für Dich überhaupt nicht mehr, weil Du die Gewinnzone nicht mehr erleben würdest.

Das ist übrigens auch so ein Punkt. Möglicherweise müssen wir heute Investitionen tätigen, die erst für kommende Generationen von Nutzen sein werden, aber nicht mehr für uns. Aus kurzfristiger Sicht wäre so ein Verhalten zwar unwirtschaftlich, aber über mehrere Generationen betrachtet für die Menschheit ausgesprochen nützlich.

Etwas schwer zu beurteilen sind die Umweltschäden, die umso mehr entstehen, je länger gewartet wird. Wieviel verträgt der "Patient Erde" noch? Wie lange wird es später dauern, bis sich die Erde regeneriert hat? Wieviel Verantwortung soll/muß jeder selbst tragen? Wieviel Verantwortung kann man auf andere (Energieindustrie/Staat) schieben?

Naja, das Thema ist außerordentlich komplex und in einem Thread eh nicht zu packen.

Grüsse
TR

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