Thorsten Reinicke Büro

Fahrradstrasse

Harvestehuder Weg und Alsterufer in Hamburg

Fahrradstraße Alsterufer im September 2019 Fahrradstraße Alsterufer im September 2019
Fahrradstraße Alsterufer 2019

Offener Brief an Planer, Politiker, Entscheider

Ich schreibe diesen offenen Brief wegen der Fahrradstraße Harvestehuder Weg und Alsterufer in Hamburg. Meine Partnerin und ich wohnen in Winterhude und haben unser Atelier und Büro im Karolinenviertel. Der Weg führt also fast automatisch an der Alster entlang. Seit 2011 fahren wir die Strecke soweit als möglich mit dem Fahrrad, bei schlechtem Wetter auch mit dem Auto. Uns sind daher beide Perspektiven vertraut.

Fahrradstraße?

Die beiden Straßen wurden ja in eine sogenannte »Fahrradstraße« umgewandelt bei gleichzeitig zugelassenem Kraftfahrzeugverkehr. Fahrradfahrer sollen hier Vorfahrt haben, so die behördliche Theorie. Wenn aber dem Radler 1,5 Tonnen Stahl samt Fahrer mit unruhigem Fuß am Gaspedal im Nacken sitzen, und von Vorn ein schwerer doppelstöckiger Stadtrundfahrtbus dem Radfahrer seine Luftverdrängung ins Gesicht schiebt, dann ist das rechtliche Konstrukt der Fahrrad-Vorfahrt Kraft des Faktischen aufgehoben. Es gibt dann keine Fahrradstraße mehr, völlig egal, was in der Planung in den Aktenschränken der Amtsstuben geschrieben steht. Da ist jede andere Straße mit seitlichem Fahrradstreifen angenehmer.

Gute Planung?

Die Planer haben die Fahrbahn schmaler gemacht und neben den PKWs und einer zunehmenden Zahl an großen Stadtrundfahrt- und Touristenbussen auch noch die Fahrradfahrer mit hinein geplant. Die ehemals vorbildliche Trennung von Fahrrad- und Kfz-Verkehr wurde aufgehoben, der alte Radweg teilweise rückgebaut.

Das Ergebnis ist ein »Kampf um die Straße«. Autofahrer sind entnervt, weil sie nur langsam fahren dürfen und durch noch langsamere Radfahrer ausgebremst werden. Sobald sie können, geben sie Gas und rauschen mit 40 bis 60 kmh dicht an den Radfahrern vorbei. Erlaubt sind 30 kmh und es sollte eigentlich ein Mindestabstand eingehalten werden. Für Radfahrer ist es darüberhinaus unangenehm, wenn ihnen die breite und hohe Front der schweren Busse entgegenkommt, die sich teils sogar zwischen zwei sich entgegenkommenden Radfahrern hindurchdrängen und dadurch den Mindestabstand nicht mehr einhalten können. Wir erleben es wiederholt, daß wir scharf geschnitten werden. Es ist eine für alle Beteiligten nervöse Verkehrssituation.

Mir ist keine andere Fahrradstrecke bekannt, auf der dem Radfahrer so viele Busse entgegenkommen, als ausgerechnet auf dieser Fahrradstraße. Vom Anfang Harvesterhuder Weg bis zur Fontenay braucht der Radfahrer rund fünf Minuten. In dieser Zeit kommen mir hier tagsüber drei bis fünf Busse entgegen, einmal waren sieben. Die stoßen auch noch ihre Dieselabgase aus. Das als Fahradstraße zu bezeichnen erscheint grotesk.

Begründet wird die Planung mit einer Zunahme des Radverkehrs - was ja stimmt und zu wünschen ist - und der Behauptung, der alte vorhandene Radweg wäre nicht breiter zu machen gewesen. Tatsächlich gibt es bei der neuen Lösung nun einen rund vier Meter breiten Grasstreifen auf der einen, und quer (!) zur Fahrbahn angeordnete PKW-Parkplätze auf der anderen Seite. Anders ausgedrückt: Es ist reichlich Platz vorhanden, um neben der Kfz-Fahrbahn auch einen eigenen breiten Radweg zu bauen. Das gilt im Prinzip für die gesamte Länge des Alsterufers bis hin zur Kennedybrücke.

Aber ich möchte nicht nur kritisieren. Andererseits ist die Strecke zwischen Rabenstraße und Fontenay tatsächlich gelungen, einschließlich des Grasstreifens. Statt parkender Autos hat man nun den freien Blick auf die Alster. Das ist sehr schön. Hervorzuheben ist weiter der breitere und schönere Weg für Spaziergänger. Auch die übrige Strecke bis zur Krugkoppelbrücke kann im Prinzip gut mit dem Rad befahren werden, aber nur Frühmorgens oder erst Abends, wenn wenig Autos und keine Busse da sind und die Strecke dann tatsächlich fast allein den Radfahrern gehört.

Verantwortung

Fußgänger, Radfahrer und Kraftfahrzeuge haben nunmal verschiedene Geschwindigkeiten. In Folge benötigen jede ihren eigenen, klar abgegrenzten Verkehrsbereich. In den Niederlanden, in Dänemark und in Österreich weiß man das. In Hamburg glaubt man, man müsse das nicht wissen. Politiker, Planer und Entscheider stehen in der Verantwortung. Entweder sie trennen Auto- und Radverkehr, oder sie müssen nachhaltig dafür sorgen, daß Ihre Lösung funktioniert.

Dies bedeutet:

1. Konsequente Kontrolle der Einhaltung der Höchstgeschwindigkeit von 30 kmh

Dazu gehört neben der Kennzeichnung als Fahrradstraße auch eine zusätzliche Beschilderung als 30 kmh-Zone - samt Geschwindigkeitskontrollen mit Bußgeld bei Überschreitung. Nicht wenig Autofahrer fahren mit überhöhter Geschwindigkeit in die Fahrradstraße ein. Offensichtlich sind vielen Autofahrern die Regeln einer Fahrradstraße nicht bekannt oder sie setzen sich darüber hinweg. In einem Gespräch war kürzlich eine Autofahrerin überzeugt, sie dürfe dort 50 khm fahren. Es ist also Aufklärung erforderlich.

2. Generelle Sperrung der Fahrradstraße für die großen Touristen- und Stadtrundfahrtbusse

Sicher hat sich der Tourismus in den letzten Jahren vervielfacht und davon profitiert Hamburg monetär. Natürlich möchten die Touristen an die Alster. Das können Sie ja auch. Es könnten kleine Elektrobusse eingesetzt werden, oder es werden für Touristen Umsteigemöglichkeiten auf Fahrradrikschas eingerichtet, was wiederum neue Verdienstmöglichkeiten schaffen könnte. Denkbar sind auch versenkbare Poller und eine zeitlich limitierte Freigabe der Strecke für Busse von je einer Stunde am Vor- und Nachmittag. Weiter denkbar sind auch schöne Alsterspaziergänge für Touristen.

Was aber überhaupt nicht geht, sind schwere Busse auf einer Fahrradstaße. Das ist geradezu fahrlässig und widerspricht dem Gedanken einer Fahrradstraße total.

Es gäbe eine weitere Alternative: Autoverkehr und Busse könnten einspurig in einer schmalen Einbahnstraße fahren. Das wäre für die dortige Situation völlig ausreichend. Daneben gäbe es eine baulich getrennte reine Fahrradstraße für beide Richtungen.

Qualität

Noch eine generelle Anmerkung: Ein Aspekt, der bei der funktionalisierten Radwegeplanung generell zu kurz kommt, ist der der Muße und der Lebensqualität. Der alte Radweg entlang des Harvestehuder Wegs hat hier eine hohe Qualität. Er verläuft zwischen Bäumen und durchs Grün. Der Radfahrer muß nicht auf den Verkehr achten, er kann seinen Blick schweifen lassen. Kinder und ältere Menschen müssen nicht das Gefühl haben, von einem Bus angefahren zu werden. Sie können hier sicher fahren. Ich habe diesbezüglich vor einigen Jahren ein kleines Video produziert, welches unten angefügt ist.

Und schön wäre es, wenn Hamburg auch reine Fahrradstraßen bauen könnte, die tatsächlich nur für Radfahrer da wären.

Hamburg, 2019
Thorsten Reinicke

Video

Neue Fahrradstraße und alter Fahrradweg

Das 2 1/2-minütige Video von 2015 zeigt im ersten Teil die neue Fahradstraße, im zweiten Teil Impressionen des alten Fahrradwegs. Das Material für den ersten Teil wurde 2014 in einem Zeitraum von nur 10 Minuten aufgenommen und dann zusammengeschnitten. Damals gab es auf der Fahrbahn noch markierte Parkplätze, die heute nicht mehr vorhanden sind. Es gibt aber immer noch Zeiten mit vergleichbarer Verkehrsdichte und der krasse Unterschied zwischen neuer Fahrradstraße und altem Fahrradweg ist nach wie vor gegeben.

Fotos

Zur Ergänzung hier einige Fotos, die ich 2019 gemacht habe. Der Radweg in Südfrankreich befand sich kurz vor der Fertigstellung und war noch nicht in Betrieb.

 

Baulich getrennter Radweg in Bremen, 2019 Fahrradparkhaus in Bremen, 2019 Neuer reiner Radweg in Südfrankreich Neuer reiner Radweg in Südfrankreich
Alternativen in Bremen und Südfrankreich