Thorsten Reinicke

Cyberspace und Architektur

Newsgroup: de.alt.sci.architektur
Subject: Re: auswirkungen der neuen medien auf die architektur
Date: Tue, 15 Jun 1999

Vorredner
> mir scheint, daß sich das thema sehr weit vom, wie ich meine naheliegenden entfernt, woran das auch liegen mag.

Thorsten Reinicke
Ich schätze, das liegt an der Komplexität des Themas. Cyberspace ist immer noch neu und wandelt sich rasant. Letztlich versuchen wir, uns hier irgendwie vorzutasten und zu verstehen, was dieses neue Medium überhaupt ist, welche Eigenschaften es hat und wozu wir es verwenden können.

> naheliegend zum thema "neue medien und architektur" ist es, die wirkungen der medien- und informationsstrukturen auf unser gebautes (!) umfeld und auf unsrer leben in arbeits- und gesellschaft zu beleuchten. hier findet ein gravierender wandel statt, welcher sich massiv auf verschiedenste strukturen auswirkt, und noch wirken wird. wer sich in seiner architektentätigkeit einmal mit städtebaulichen, verkehrsstrukturellen, mit büro- und verwaltungsbauten, etc. beschäftigt hat, sollte sich dieser "wirkungen" schnell bewusst sein. denn die "neuen medien" verändern arbeitswelten, verkehrsverhalten und auch kommunikationskultur - auswirkungen auf reale architektur ist zwangsläufig.

Tatsache ist, unser Geist findet im Internet oder im Cyberspace eine Entfaltungsmöglichkeit, wie er sie vorher wohl noch nicht zur Verfügung hatte - egal ob Informationen hineingegeben oder entnommen werden. Welche Auswirkungen dies auf unser tägliches Denken und Handeln, auf unser praktisches Leben und damit auch auf die Architektur haben wird, ist noch gar nicht genau abzuschätzen.

Allerdings, was mich angeht: Meine anfängliche Begeisterung für das Internet ist inzwischen einer gewissen Ernüchterung gewichen. Manchmal denke ich, wir überschätzen dieses Medium über die Maßen. Vermutlich ist dies jedoch genauso verkehrt, wie die Annahme, das Internet würde unser Leben überwältigend verändern. Ich weiß es nicht.

Was die Stadtplanung angeht: Aktuell werden städtebauliche Entwicklungen wohl immer noch weitaus mehr durch Autoverkehr oder Bevölkerungswachstum/-explosion bestimmt (siehe Pappkarton-Siedlungen in Südamerika), als durch die "neuen Medien". Und auf die Gestaltung des einzelnen Gebäudes haben Normen, Baurecht, Energiefragen, das Können der ausführenden Firmen u.a. weit mehr Einfluß, als das Internet. Ich denke aber, das Internet kann bei der Bewältigung der Aufgaben sehr hilfreich zur Seite stehen.

Unser Geist mag in Anbetracht des Cyberspace Salto Mortale hüpfen. Für unseren Körper gelten aber nach wie vor die uralten Bedingunen von Schlafen, Essen, Schutz vor dem Klima etc. Hierauf wird Architektur - ob mit oder ohne Internet - auch zukünftig eingehen müssen. Mir scheint, das wird in der Euphorie für neue Technologien nur zu leicht übersehen.

Bei mir hat die Nutzung des Computers/Internet/Cyberspace zu einem anderen Effekt geführt. Meine Bewunderung für unsere eigenen Leistungen, z.B. die unseres Gehirns, oder die Leistungen der Natur, ist stark gestiegen. Wenn ich sehe, wie ich dem Computer wirklich Millimeter für Millimeter erklären muß, was er tun soll, und wenn ich dann sehe, mit welch komplexen spielerischen Leichtigkeit z.B. ein Vogel durch die Luft fliegt, dann bleibt für mich nur die Schlußfolgerung, die Natur leistet Enormes. Der Cyberspace ist meiner Meinung nach weit davon entfernt. Und was Cyberspace-Themen wie Komplexität und Vernetzung angeht, da können wir von der Natur allemal mehr lernen.

TR

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© 1999 Thorsten Reinicke - Hamburg